Bio-Landwirtschaft-Deutschland

Mehr Bio in der deutschen Landwirtschaft?

Wer die Schlagzeilen der letzten Tage verfolgt und Landwirt ist, wird vor lauter Empörung einfach nur sprachlos sein. Mit dem Ziel einer „besseren“ Agrarwirtschaft wird eine ganze Branche angegriffen. Aber wie steht es mit Bio in Deutschland?

Ob aus Reihen der Politiker oder der Kirche, es sind scharfe Worte, die derzeit gegen die Landwirte benutzt werden.

So nahm der Berliner Erzbischof Dr. Heiner Koch die Grüne Woche zum Anlass, um in einem Radiowort wörtlich von

  • „katastrophalen Zuständen in den großen Tierfabriken“,
  • „unsäglichen Bedingungen“,
  • „die viel zu großen Mastbetriebe, die einzig und allein auf den Profit setzen“
  • „Grundwasser wird verseucht“
  • „Billiglöhne sorgen für ein modernes Sklaventum“

zu reden.

Und es geht weiter: Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks zieht derzeit mit einer großangelegten Werbekampagne den Berufsstand des Landwirts in ein schlechtes Licht.

Bauernregeln für mehr „Bio“ in der Agrarwirtschaft?

Pünktlich zum Start der öffentlichen Konsultation der EU zur Zukunft der europäischen Agrarpolitik zieht sie mit „neuen Bauernregeln“ ins politische Schlachtfeld.

Ziel soll es sein, „für eine naturverträgliche Landwirtschaft und eine Reform der europäischen Agrarförderung zu werben“.

Die Frage ist, wie bitte schön sollen Sprüche wie

  • „Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.“
  • „Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.“
  • „Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.“ oder
  • „Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.“

zu Nachhaltigkeit und Naturschutz beitragen?

Kein Wunder, wenn die Empörung groß ist, wird doch die gesamte Agrarwirtschaft mit solchen Äußerungen an den Pranger gestellt. Der Deutsche Bauernverband etwa spricht von „staatlichem Mobbing gegen den landwirtschaftlichen Berufsstand.“

Eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Landwirtschaft kann so definitiv nicht erfolgen.

Zudem, werden die Rahmenbedingungen für diesen Wirtschaftszweig nicht auch von der Politik festgelegt?

Und wo bitte schön wird von der Verantwortung des Verbrauchers, der Großeinkäufer, der Anbieter von Lebensmitteln und den anderen Beteiligten im landwirtschaftlichen Kreislauf gesprochen?

Ein Markt wird nicht nur von dem Angebot, sondern auch von der Nachfrage bestimmt.

Es stellt sich die Frage, wie Nachhaltigkeit in Deutschland umgesetzt oder, folgt man den Anschuldigungen, nicht umgesetzt wird.

Eine Form der Landwirtschaft, die sich ohne Zweifel die Nachhaltigkeit und den Tierschutz auf die Fahne geschrieben hat, ist die ökologische Agrarwirtschaft.

Wie steht es um die ökologische Landwirtschaft in Deutschland?

Bio ist zu einem gängigen Begriff geworden. Selbst beim Discounter kann man heute selbstverständlich Lebensmittel erwerben, die ökologisch produziert wurden.

Bio ist voll im Trend und boomt. So der gängige Eindruck.

Mit steigendem Gesundheitsbewusstsein, achten die Verbraucher nicht nur auf die Preise, sondern auch auf die Art und Weise, wie Produkte hergestellt wurden.

Die steigende Nachfrage nach Bio kann dabei von der aktuellen Anzahl ökologischer Erzeuger nicht gedeckt werden.

Große Nachfrage zu höheren Preisen: Das klingt doch nach rosigen Aussichten für Produzenten von Bio-Lebensmitteln, oder?

Mit Bio in die Pleite?

Quelle: HDReportagen

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass die ökologische Landwirtschaft in Deutschland mit großen Herausforderungen zu kämpfen hat.

Auch wenn diese Form der Landwirtschaft in den letzten Jahren leichte Wachstumszahlen im Umsatz verzeichnen konnte, Bio ist weiterhin ein Nischenprodukt.

Das Wachstum in Anzahl von Bio-Höfen und ökologischen Agrarfläche ist in den letzten Jahren stagniert.

Was sind die Ursachen?

Zum einen bedeutet Bio nicht gleich regional.

Jedes dritte frische Produkt in Bio-Qualität wird mittlerweile beim Discounter & Co. gekauft.

Aber die Ware kommt zumeist nicht aus Deutschland. Es wird in Ländern produziert, in denen die Produktionskosten deutlich unter denen in Deutschland liegen.

Die hiesige Produktion in ökologischer Qualität konkurriert mit Bio-Importen aus anderen Teilen der Welt.

Hinzukommt, dass eine Umstellung langwierig und teuer ist. Erst nach zwei Jahren ökologischer Produktion kann der Landwirt „Bio-Preise“ für seine Produkte beanspruchen.

Angesichts steigender Preise für konventionell produzierter Rohstoffe muss neben dem marktwirschaftlichen Denken schon eine gehörige Portion Idealismus die Entscheidung zum Umstieg beeinflussen.

Ein weitere Herausforderung ist von der deutschen Agrarpolitik hausgemacht. Die Förderung von Biogasanlagen hat in einigen Regionen zu Pachtpreisen geführt, die von Bio-Bauern einfach nicht gezahlt werden können.

Es fehlt die Fläche für den Anbau von Bio-Lebensmitteln, weil Biogasanlagen mit ihrem 20-jährigen Bestandsschutz einfach lukrativer sind.

Dies sind nur einige Ursachen. Noch nicht angesprochen sind hierbei etwa die Herausforderungen die entstehen, um die strengen biologischen Auflagen zu erfüllen.

So verbreiten sich Pestizide und Co kilometerweit über Luft und Wasser. Sie machen nicht halt, weil die angrenzende Agrarfläche biologisch bewirtschaftet wird.

Mehr Nachhaltigkeit und Artenschutz sind unumstritten wichtige Ziele. Dem wird wohl kein Landwirt widersprechen.

Die oben aufgeführten Äusserungen von Politik und Kirche, so einseitig und diffamierend sie sind, zeigen auch, dass Diskussion- und Handlungsbedarf besteht.

Aber wie am obigen Beispiel aufgezeigt, Landwirtschaft befindet sich in einem komplexen Gefüge mit unzähligen Faktoren und Beteiligten im Kreislauf.

Dies gilt genauso für die biologische als auch konventionelle Landwirtschaft.

Ein einzelnes Glied in der Wirtschaftskette herauszupicken und kategorisch zu verteufeln, kann nicht die Antwort auf die Fragen der Zukunft sein.

Welche Maßnahmen sind Eurer Meinung nach notwendig, um mehr Nachhaltigkeit und Artenschutz in Deutschland besser fördern zu können?

2 Kommentare
  1. Arndt Müller
    Arndt Müller says:

    Lieber Roland Dömling,

    ich finde Ihren Internetauftritt sehr gelungen, informativ, übersichtlich, transparent. Ihren Artikel zum Thema „Mehr Bio in der Landwirtschaft“ halte ich jedoch für sehr einseitig, weil er nicht klärt, warum es die ökologische Landwirtschaft schwer hat, in Deutschland größere Flächenanteile zu gewinnen. Aus sachlichen Gründen gibt es kaum Gegenargumente gegen diese Form der Landwirtschaft. Unzählige wissenschaftliche Studien belegen, uns das wissen Sie sicher besser als ich, dass diese Form der Landwirtschaft für mehr Arbeitsplätze sorgt, das Grundwasser schützt, die Bodenstruktur, insbesondere den Humusgehalt erhält und mehrt, die Artenvielfalt sichert. Alles macht gute konventionelle Landwirtschaft auch, aber eben nicht in dem Maße, wie es die ökologische Landwirtschaft kann. Es ist keine „Glaubensfrage“, welche Form der Landwirtschaft wir in Zukunft fördern sollten, sondern aus meiner Sicht eine Frage, inwieweit wir bereit sind, Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Es gibt mit Sicherheit viele Dinge, worin auch die ökologische Landwirtschaft besser wedren kann und muss, aber ich halte sie in ihrer Grundausrichtung für die zukunftsfähige Landwirtschaft. Wenn Sie schreiben: „So verbreiten sich Pestizide und Co kilometerweit über Luft und Wasser. Sie machen nicht halt, weil die angrenzende Agrarfläche biologisch bewirtschaftet wird.“ wofür ist das denn ein Argument? Dass wir erst gar nicht versuchen sollten, biologisch zu wirtschaften, oder dass wir versuchen sollten, Pestizide und Co. nicht kilometerweit über Luft und Wasser durch die Gegend treiben zu lassen. Ich finde, wir sollten letzteres anstreben. Ich habe selbst Kleingewässer in Mecklenburg-Vorpommern auf das Vorhandensein von Pflanzenschutzmitteln untersucht und in nahezu allen 15 untersuchten Gewässern diese Stoffe in nennenswerten Konzentrationen gefunden. All diese Gewässer befanden sich in FFH-Gebieten, die extra für den Schutz von bedrohten Amphibien ausgewiesen wurden. Seit Jahren verzeichnen wir einen Rückgang z.B. der Rotbauchunke, die bei uns im Nordosten noch einen großen Verbreitungsschwerpunkt hat. Und das ist kein unbedeutendes Tierchen, auf das wir mal eben so verzichten können. Dieses Tier ist ein Indikator für die Tatsache, dass wir etwas falsch machen in der Art und Weise, wie wir unsere Äcker mehrheitlich bewirtschaften.
    Ganz entscheidend ist für mich die Frage, ob die „moderne“ Landwirtschaft unsere ländlichen Räume lebendig und lebenswert erhält. Und nach all den Milliarden, die in Mecklenburg-Vorpommern in den Erhalt dieser angeblich modernen konventionellen Landwirtschaft mit gigantischen Großbetrieben geflossen sind, haben wir dort eine desaströse Arbeitsplatzbilanz und eines der größten Armutsrisiken in ganz Deutschland. Ganz anders in Bayern, wo es eine deutlich kleinteiligere und diversifizierte Landwirtschaft gibt, deren ökologische Produkte in Mecklenburg-Vorpommern im Kühlregal stehen. Da läuft doch also hier und da irgendwas schief, meinen Sie nicht? Ich glaube, wir sollten nicht den Fehler machen, uns gegenseitig für dumm zu verkaufen. Genauso, wie Sie mich gern von Fehlentwicklungen in der ökologischen Landwirtschaft überzeugen können – zumal ich sie selbst auch sehe – genauso erwarte ich, dass sie vor den Fehlentwicklungen Ihrer eigenen Sparte nicht die Augen verschließen und diese ehrlich benennen. Haben Sie sich zum Beispiel mal gefragt, warum es kaum amtliche Statistiken über den Humusgehalt unserer Ackerböden in Deutschland gibt? Haben wir nicht genug Fachleute, die so etwas bestimmen können? Ich glaube nicht. Vielmehr haben Verwaltung, Politik und Interessenverbände offenbar Sorge, dass dabei herauskommen könnte, dass wir den Humusgehalt unserer Böden mehr und mehr verlieren. Dass Sie mit Ihrem Betrieb humuserhaltend wirtschaften, ehrt Sie. Die entsprechenden Messwerte auf Ihren eigenen Flächen wären ebenfalls interessant. Vielleicht sind Sie ja bereit, diese zu veröffentlichen. Dies wäre ein Schritt hin zu mehr Transparenz. Vielen Dank und freundliche Grüße, Arndt Müller

    Antworten
    • Roland
      Roland says:

      Hallo Herr Müller,

      herzlichen Danke für Ihren langen Kommentar.

      Landwirtschaft ist ein sehr komplexes Thema und an der Landwirtschaft wollen sehr viele Geld verdienen.
      Bei der Frage warum es die ökologische Landwirtschaft schwer hat, in Deutschland größere Flächenanteile zu gewinnen, ist eine berechtigte Frage.
      Einer der Gründe wird in dem Film ganz deutlich. Der Verkauf der erzeugten Produkte wird schwieriger.
      Eine Umstellung geht nicht von jetzt auf gleich und der Betriebsleiter braucht ein WARUM.

      Sachlich Gründe spielen mit Sicherheit auch eine Rolle. Eine Umstellung kostet immer erst mal Geld, Zeit und man muss bereit sein aus Fehlern zu lernen. In den Medien wird immer von einem Bio Trend gesprochen und das der Bedarf nicht gedeckt werden kann. Der Film zeigt ein anderes Bild.
      Die Erzeugung von Lebensmitteln ist eine Kette von vielen Beteiligten und jeder verfolgt seine eigenen Interessen. Wenn man das ganze Ernährungssystem verstehen möchte, muss sich jeder auch mal Gedanken machen, wer hat einen Nutzen davon das es so ist wie es gerade ist.
      Ist es die Regierung? Der LEH? Die Medizin? Die chemische Industrie oder die Banken?

      Ein weiterer Punkt sind auch die Warenströme auf dieser Erde und von wo welche Lebensmittel in Zukunft zu uns kommen.
      Uns Landwirten hat bis jetzt noch niemand so richtig gesagt wie die Landwirtschaft in Deutschland oder Europa ausschauen soll in 5, 10 oder 20 Jahren – nur wie jeder sie gerne hätte und das die Landwirte das dann so zu machen haben, denn es gibt ja dafür eine Förderung.
      Da stimmt aus meiner Sicht die Wertschätzung gegenüber der Landwirtschaft und den Landwirten als Mensch und Teil der Gesellschaft nicht mehr.

      Wenn die Regierung sagen würde wir wollen ab zB. 2025 alles auf Bio haben, dann sind die Landwirte mit Sicherheit bei der Umstellung dabei wenn sie nicht schlechter gestellt werden als andere Berufsgruppen. Beim Atomausstieg hat man das auch gekonnt. Zu den Agrarförderungen kann jeder sich selbst seine Meinung bilden. Solange es sie gibt werden sie beantragt wie in jedem anderen Wirtschaftszweig auch. Nur mal so zur Erinnerung – Biobetriebe bekommen sehr viel mehr Förderung als konventionelle Landwirte.

      Sie haben recht das wenn man Pflanzenschutzmittel einsetzt, das können auch Biologischen sein wie zB. http://www.schulze-hermsen.de/images/mailing/winterruhe_2008-01.pdf dort ankommen sollen wo es gedacht war.
      Wir setzten auch solche Produkte ein um die Pflanzen zu stärken und den Boden zu verbessern.

      Alles hat immer zwei Seiten und wir wirtschaften unter freien Himmel. Irgendwo hat man immer einen Nachbarn der sein Land anders bewirtschaftet. Der Glaube man könnte alles durch den Bioanbau in Ordnung bringen halte ich für nicht machbar. Auch jedes Bundesland ist verschieden und hat seine Herausforderungen. Kleine Strukturen wie im Süden von Deutschland wo ich zu hause bin bedeuten auch hohe Stückkosten pro 100 kg Getreide.

      Die Familienbetriebe werden in den nächsten Jahren weiter abnehmen und die Anzahl der Großbetriebe wird zunehmen. Auch Biobetrieb werden wachsen müssen damit die Kosten sinken.
      Der Verbraucher will billige und hochwertige Lebensmittel einkaufen. Der LEH sorgt schon dafür das die Preise auch bei den BIO Produkten weiter sinken. Die Marktmacht ist da schon sehr groß und unsere Rohstoffe sind nun mal austauschbar.

      Ich kann Ihnen nur zustimmen das wir nur gemeinsam die Probleme der Zukunft lösen könne.

      Der Humus ist so eine Sache den kann man ganz leicht bei einer Bodenuntersuchung mit bestimmen lassen wenn man das möchte.
      So lange die Verantwortlichen in der Regierung nicht wissen was Sie von den Landwirten wollen, macht so eine Humusuntersuchung auch keinen Sinn. Da kommt nur wieder eine sinnlose Auflage dabei raus.

      Landwirte die nachhaltig wirtschaften kennen ihren Humusgehalt und haben dazu auch Bodenuntersuchungen die das belegen. Auch ich habe solche Untersuchungen um meine Wirtschaftsweise selbst zu überprüfen.

      Wenn Sie mehr über meinen Humus wissen möchten können Sie mir gerne eine PN schreiben. 🙂

      Vielen Dank für Ihren Beitrag und herzliche Grüße aus Franken Roland Dömling

      Antworten

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