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Drei Konzepte abseits der Mainstream-Landwirtschaft

Die Zeiten in unserer Branche sind ähnlich herausfordernd wie in anderen Industriezweigen: die Preise für Düngemittel, Saatgut und Co. explodieren, große Konzerne und sehr wohlhabende Individuen kaufen unaufhaltsam Agrarflächen auf, während Familienbetriebe, die seit Generationen Landwirtschaft betreiben, sich gezwungen sehen, zu schließen. Die Unsicherheit auf den Bauernhöfen ist größer denn je.

Was sollen wir anpflanzen, um davon unseren Lebensunterhalt und den unserer Familie zu garantieren?

Wie können wir weiterhin unsere Konsumenten mit Top-Qualität beliefern ohne dafür durch das ganze Land zu fahren?

Welche Alternativen bietet uns die digitale Welt? Wie lässt sich diese mit der Landwirtschaft gut vereinen?

Fragen über Fragen, die uns als Landwirte tagein, tagaus beschäftigen, während die Politik sich immer neue und weitere Regelungen überlegt, um uns ans Schreibtisch zu ketten. Die Anzahl der Dokumente, die wir für alles möglich benötigen, wird immer umfangreicher während viele von uns große Schwierigkeiten haben, sich über Wasser zu halten.

Jammern hilft nichts und es bringt auch keinen weiter. Daher möchte ich Euch heute ein paar Konzepte vorstellen, die über das, was wir wohl aus Mainstream-Landwirtschaft gewohnt sind, überschreitet.

Landwirtschaft geht auch anders

Lasst uns gemeinsam nach ein paar erfolgreich umgesetzten Ideen aus unserer Branche, Ausschau halten. Während einige dieser Konzepte von „echten“ Landwirten kommen, stammen andere wiederum von Menschen, die nicht aus unserem Industriezweig sind, jedoch ein großes Herz für Mutter Natur haben.

1. Anbauen nach dem No-Dig-Prinzip

Wie der englische Begriff bereits verrät, handelt es sich bei diesem Anbauprinzip darum, die Ackerfläche ohne jegliche Bodenbearbeitung fruchtbar zu machen. Dies geschieht, indem der Boden mit einer 10-15 cm Kompostschicht bedeckt wird. Oft wird darunter auch eine Lage Karton ausbereitet, um besser gegen Unkräuter gewappnet zu sein.

Einige Vorteile dieses Anbausystems:

  • weniger Unkräuter
  • geringerer Jätaufwand
  • gesundes Pflanzenwachstum

In dem nachfolgenden Videobeitrag erfahren wir, wie ein junge Familie ihren gesamten Lebensunterhalt von ihrer 2500 qm Marktgärtnerei erwirtschaftet.

Quelle: ReLaVisio – Regenerative Landwirtschaft, YouTube

2. Per App einen Gemüsegarten betreiben und sich die Ernte nach Hause liefern lassen

Hast Du schon immer Lust auf einen eigenen Garten gehabt, aber nie die Zeit gefunden, um diesen zu bearbeiten?

Hier kommt eine geniale Lösung dafür: ein eigener kleiner, virtueller Gemüsegarten, den Du Online betreiben kannst. Selbstverständlich bekommst Du die virtuell „selbst“ angebauten Karotten, Tomaten und Co. nach der Ernte sogar nach Hause geliefert.

Liebe Agrarbetrieb-Freunde, das ist kein schlechter Schwerz, sondern die Tatsache.

Die Idee stammt von zwei Österreichern aus Kärnten. Christoph Raunig und Patrick Kleinferchner haben für genau diesen Zweck im Jahr 2018 die Online-Plattform myAcker.com gegründet. Mit über 3.200 Onlinegärtnern (per April 2024) befindet sich die myAcker-Familie auf absolutem Wachstumskurs.

Quelle: myAcker, YouTube

3. Direktvermarktung via Bio-Kiste

Ohne „Mittelmänner“ würde vieles in der Landwirtschaft wesentlich mehr Spass machen.

In erster Linie hätten wir die Chance, direkt mit unseren Endkonsumenten zu sprechen und unser Sortiment auf ihre Bedürfnisse besser abzustimmen. Zweitens, hätten wir die Möglichkeit die Kosten, welche für die Zwischenhändler anfallen, erheblich zu reduzieren. Direktvermarktung hat durchaus sehr viele Vorteile.

Das dachten sich auch die Gründer von dem Onlineportal etepetete.

Der Hintergrund: was nicht sexy aussieht, bleibt oft auf dem Boden liegen. Eine krumme Möhre, eine komisch-aussehende Tomate … aus dem, was nicht der Norm des Handels entspricht, lässt sich hervorragend eine Box zusammenstellen. Hauptsache Bio, regional und frisch. Das Ganze natürlich plastikfrei verpackt und zu einem fairen Preis geliefert.

Auch Lust auf Bio-Obst? Kein Problem. Bei etepetete gibt’s die Bio-Boxen für jeden Obst- und Gemüse-Gaumen.

Wie so eine Box aussehen kann, zeigt das folgende Unboxing-Video einer etepetete Lieferung:

Quelle: Anne Pesch, YouTube

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt

Seit Generationen baut mein Familienbetrieb Getreide und Rüben an. Ich wollte jedoch etwas Neues wagen und eine Spezialität anpflanzen. Dies ist mir durch meine Aroniaplantage gelungen.

Meine Reisen nach Südamerika haben sich ausgezahlt. Die Superbeere mit ihren zahlreichen gesundheitsförderlichen Eigenschaften gibt’s jetzt auch bei uns in Deutschland.

Wo genau?

Im schönen Frankenland. Deshalb nannte ich meine Marke auch Frankenaronia. Das ist meine Antwort auf die Non-Mainstream-Landwirtschaft.

Schaut bei Frankenaronia vorbei. Hier geht’s zur Onlineplattform:

Frankenaronia.com

Ich freue mich auf Euren Besuch.

Lasst Euch von den vielen negativen Ereignisse und Schlagzeilen nicht herunterziehen. Bleibt kreativ. Findet neue Wege. Probiert neue Konzepte aus. Arbeitet im Einklang mit Mutter Natur, so dass wir eine nachhaltige Landwirtschaft für alle ermöglichen.

Bildquelle: Foto von Pixabay auf Pexels

2023-11 Pflegebauernhof statt Seniorenheim - Agrarbetrieb

Pflegebauernhof statt Seniorenheim

Immer mehr Menschen suchen nach Alternativen zum klassischen Alters- bzw. Seniorenheim. Anstatt den ganzen Tag in einem „Kasten“ zu verbringen, wünschen sich unsere Senioren, ihren Lebensabend in der Natur, am besten auf dem Land zu verbringen. Ein Pflegebauernhof ist dafür eine ideale Lösung, um nicht nur mit anderen Gleichgesinnten auf dem Hof mit anzupacken, sondern auch länger aktiv zu bleiben.

Die Idee an sich ist nicht neu; was allerdings neu ist, ist die Tatsache, dass dieses Konzept bei kleinen, landwirtschaftlichen Betrieben vermehrt an Attraktivität gewinnt.

Wie kommt es dazu?

Die Abhängigkeit von Agrarsubventionen, der stetig steigende Preis- und Marktdruck führt immer mehr Betriebe ins Aus. Über das Thema Höfesterben habe ich hier auf Agrarbetrieb schon des Öfteren geschrieben. Siehe hierzu auch den Beitrag: Höfesterben in der digitalen Ära geht weiter.

Was tun also, wenn wir unsere Leidenschaft nicht an den Nagel hängen und das, was unsere Vorfahren mit ganz viel Schweiß und Mühe aufgebaut haben, nicht aufgeben wollen? Irgendwie muss man sich ja seinen Lebensunterhalt finanzieren.

Einen Pflegebauernhof betreiben ist sicherlich ein tolles Konzept.

Pflegebauernhof – Landleben mal ganz anders

Vor Kürze habe ich im SWR eine sehr interessante Doku über dieses Thema gesehen. Es ging um Guido Puschs Pflegebauernhof in Marienrachdorf, im Westerwald. Er gilt als Pionier dieser Idee, denn er gründete 2011 den ersten Pflegebauernhof Deutschlands.

Auf seinem Familienbetrieb wohnen derzeit 22 Senioren / Seniorinnen in jeweils zwei Wohngemeinschaften. Die pflegebedürftigen leben auf dem Hof, in einer ehemaligen Scheune und werden professionell vom Pflegepersonal betreut. Diejenigen, die aktiv und mobil sind, wohnen in einer Selbstversorger-WG in der Nachbarschaft.

Das Wichtige bei dem gesamten Konzept: jeder hilft mit, wie und wo er kann.

Ein ehemaliger LKW-Fahrer wartet den Traktor. Ein Ex-Landrat hilft bei der Geburt von Kälbern. Die einen versorgen die Rinder, Schweine, Schafe, Hühner, Gänse und Co. Wiederum andere helfen bei der Ernte oder beim Kochen. Diese sinnvollen Arbeiten halten die Bewohner aktiv und gleichzeitig auch glücklich, denn sie wissen, dass sie was für das Gemeinwohl tun. Ihre Arbeit wird nämlich wertgeschätzt.

Es ist ein ‚WIN-WIN‘ Situation. Ältere Menschen werden respektvoll behandelt und fühlen sich sehr wohl. Der Landwirt erwirtschaftet mit dieser sozialen Dienstleitung ein Einkommen, dass teils mehr Sicherheit bieten kann, also der Erwerb aus der Produktion von Lebensmitteln.

Leider kann ich das Video hier im Blog nicht direkt einbetten, deshalb füge ich den offiziellen Link aus der ARD Mediathek hier ein. Die Doku dauert 30 Minuten und ist absolut sehenswert.

SWR Doku aus der ARD Mediathek

Ein innovatives Konzept was sich auf andere Bauernhöfe übertragen lässt

Immer mehr Familienbetriebe, die oft einen Mehrgenerationen-Bauernhof betreiben, tun sich schwer mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Während Großinvestoren und Großkonzerne problemlos Land abzwacken, kämpfen die Kleinen ums Überleben.

Viele dieser Bauernhöfe suchen nach Alternativen, um ihr Bauernhof am Leben zu halten. Da kommt das Konzept des erweiterten Bauernhofs bzw. eines Pflegebauernhofs dem einen oder anderen Landwirt sehr entgegen.

Wenn Ihr ein Bauernhof habt bzw. einen erwerben möchtet und Ihr dieses Konzept attraktiv findet, dann könnt Ihr auf der Webseite „Zukunft Pflegebauernhof“ mit Guido Pusch und seinem Team inkl. Kooperationspartnern in Verbindung treten.

HIER geht’s zum Beratungskonzept.

Das ist doch eine großartige Idee, um sein Bauernhof am Leben zu halten, findet Ihr nicht auch?

Wenn Ihr mit dem Gedanken spielt, Euren Betrieb umzustellen bzw. zuerweitern, dann wendet Euch an das oben erwähnte Team.

Früher gab es keine Altersheime. Da war es selbstverständlich, dass die jüngeren Generationen sich um die Eltern und Großeltern kümmern. Das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ob das eine gute oder schlechte Entwicklung ist, überlasse ich jedem selbst zu beurteilen.

Hut ab für meinen Landwirtschaftskollegen und seine Initiative unseren Senioren / Seniorinnen mit dem Pflegebauernhof ein schönes Lebensalter mitten in der Natur zu ermöglichen.

Bildquelle: Foto von Gustavo Fring auf Pexels

2022-11 Green Care Bauernhof statt Altersheim

Green Care: Bauernhof statt Altersheim

In einer schnelllebigen Welt, in der das Idealleben gerne auf den vielfältigen, sozialen Netzwerken dargestellt wird, geraten die Älteren unter uns scheinbar in Vergessenheit. Viele Senioren fühlen sich auf den „Gleisen“ abgestellt und suchen nach Anschluß in einer Gesellschaft, die sie nicht immer ernst nimmt. Dabei ist nicht jeder von ihnen bereit, alles hinzuschmeißen und sein Lebensalter auf einem Sessel vor dem Fernseher zu verbringen. Sie bevorzugen „vitalere“ Alternativen, welchen ihnen ermöglichen, noch aktiv am Leben teilzunehmen. Da kommt ihnen das Konzept des Green Care wohl sehr entgegen. Denn hier geht’s nämlich auf den Bauernhof anstatt ins Altersheim.

Dass die klassischen Altersheime nicht jedermanns Geschmack treffen, ist klar. Zwar bemühen sich viele Häuser und Vorstände neue Konzepte und Ideen in die traditionelle Herangehensweise einzubetten, aber damit können sie den Markt bei Weitem nicht abdecken.

Für Senioren, die aktiv am Leben teilhaben und sich in einer Familie integriert fühlen möchten, sind Altersheime keine Lösung. Zum Glück blühen immer mehr Senioren-Wohngemeinschaften auf Bauernhöfen. Egal ob in Deutschland, Österreich, Niederlanden, Norwegen oder der Schweiz, immer mehr Bauernhöfe erweitern ihre Dienste und empfangen Senioren bei sich auf dem Land.

Was spricht dafür? Wieso zieht es Senioren vermehrt auf einen Bauernhof? Ist Green Care eine tragfähige Lösung, um das massive Höfesterben aufzuhalten und gegebenenfalls diesem auch entgegen zu wirken?

Green Care bietet einen Lebensabend in familienähnlichen Strukturen

Neulich forschte ich im Archiv des ZDF und stoß dabei auf eine sehr interessante Dokumentation aus dem Jahr 2020. Es ging nämlich um mein heutiges Thema, auf den Bauernhof statt ins Altersheim zu ziehen. In der halbstündigen Doku werden neun Senioren ein halbes Jahr lang auf dem Anwesen von Familie Müller (Hofbesitzer) begleitet.

Die Betriebsleiterin Andrea Müller (56) ist täglich für das Kochen zuständig. Der Sohn Manuel übernimmt die Arbeit auf dem Land und träumt davon, mit seiner Ehefrau die Idee des Senioren-WGs zu übernehmen und zukünftig ebenfalls Seniorenwohnungen im Dorf anzubieten.

Die Doku kann ich jedem empfehlen, der ein bisschen hinter die Kulissen dieses Konzepts blicken möchte. Sie ist wirklich sehenswert.

Hier geht’s zur ZDF Doku.

Dass ein Leben auf dem Land, umgeben von Pflanzen und Tieren, viele Vorteile mit sich bringt, ist wohl allgemein bekannt. Wie wichtig die Sonne und das Aufhalten draußen an der frischen Luft sind, ist kein Geheimnis und lernt man wohl üblicherweise bereits von Kindesbeinen an. Wenn wir das regionale und saisonale Essen bzw. die familienähnlichen Strukturen dazu zählen, haben wir ein perfektes „Gesundheitspaket“ für ein angenehmes Leben unabhängig vom Alter.

Welche Vorteile bringt denn Green Care für die Senioren mit sich?

  • Kosten: Diese sind wesentlich geringer als im Altersheim.
  • Eigenständigkeit: Wer fit ist, kann auf dem Bauernhof anpacken; wer lieber mit dem Hund spazieren mag, kann dies ebenfalls problemlos tun. Jeder kann sich einbringen, die Aktivitäten sind vielfältig.
  • Lebensqualität: Die Seele mitten in der Natur baumeln lassen.
  • Pflege: Bei Bedarf wird ein Pflegedienst hinzu gezogen.

Senioren-WGs auf dem Bauernhof – Eine Lösung gegen Höfesterben?

Das Höfesterben-Phänomen hat uns voll eingeholt. Die Superreichen und großen Agrarunternehmen machen keinen Hehl mehr daraus, dass sie so viel Land wie möglich kaufen wollen — und dies auch konsequent tun. Während sie problemlos Millionen und Milliarden in neue Technologien, Landmaschinen und Co. investieren können, sehen sich andererseits immer mehr Familienbetriebe gezwungen, ihre Pforten zu schliessen. Das, was Generationen mit viel Mühe, Liebe und Leidenschaft aufgebaut haben, verpufft vor ihren weinenden Augen.

Dabei versucht jeder, gegen diesen Trend so gut wie möglich dagegen zu steuern bzw. mitzugehen, wie er nur kann. Die einen probieren neue Getreide- und Pflanzensorten, die anderen gestalten ihre Bauernhöfe in sogenannten Ferienresorts um, während eine kleine, aber stetig wachsende Zahl mutiger Landwirte auf Green Care umsteigen.

Selbstverständlich wird auf den Green Care Bauernhöfen keine Viehzucht oder Landwirtschaft nach alter Tradition betrieben, d.h. Hunderte von Tiere, die gefüttert und gemolken werden müssen oder Schlepper, die tagein tagaus ihre Runden drehen, um den Boden zu bearbeiten. Es handelt sich hierbei vielmehr um kleine, „schnuckelige“ Bauernhöfe, auf denen man gemeinsam zu Abend isst, Geburtstage zusammen feiert und das Leben in einer Großfamilie zelebriert.

Insbesondere Senioren, die aktiv sind und auf dem Bauernhof anpacken bzw. kleine Tätigkeiten im Haus erledigen können, sind auch eine echte Hilfe für die Bauernhöfe und für die Dörfer insgesamt. Im Zuge des demographischen Wandels, durch welchen es die jungen Generationen vermehrt in die großen Städte zieht, in denen das Singleleben als eine attraktive Lebensform vermarktet wird, ist dieser Gegentrend sicherlich eine äußerst interessante Idee, um die Dörfer wieder zu beleben und dem Leben auf dem Land einen neuen Sinn zu geben.

Für mich persönlich ist es noch kein Konzept, mit welchem ich mich aktuell auseinandersetze, jedoch wollte ich darüber berichten, um das Bewusstsein für solche, von der heutigen Normalität abweichende, Möglichkeiten zu schaffen und Menschen aus allen Lebensphasen über das Konzept des Green Care zu informieren. Wer weiss, welche innovativen Ideen noch umgesetzt werden und wofür sich jeder von uns eines Tages entscheidet. Für mich persönlich spricht als naturbegeisterter Landwirt selbstverständlich alles für einen Bauernhof.

Bildquelle: Foto von Jake Heinemann auf Pexels

Höfesterben in der digitalen Ära geht weiter

Höfesterben in der digitalen Ära geht weiter

Goodbye jahrhundertealtes Modell des bäuerlichen Familienbetriebs. Bühne frei für große Agrarunternehmen, die das nötige ‚Kleingeld‘ haben in hochmoderne Technik zu investieren. Damit welcome zum Höfesterben-Phänomen.

Im Jahr 1960 gab es in Deutschland rund 1,5 Millionen bäuerliche Betriebe. Die letzte offizielle Betriebszählung aus dem Jahr 2016 meldete nur noch 275.000 Landwirtschaftsbetriebe. Das Fiasko geht aber weiter: rund 5.000 bäuerliche Betriebe schließen pro Jahr in Deutschland (1,5 bis 1,7%), Tendenz steigend. Gleichzeitig boomen die größeren Höfe.

Es wird schlimmer. Glaubt man einer aktuellen Studie der DZ Bank dann wird die Zahl der Betriebe in 2040 auf 100.000 sinken. Im gleichen Atemzug wird die durchschnittliche Betriebsgröße von 60,5 auf ca. 160 Hektar steigen.

Ein weiterer Trend den die Banker prognostizieren: die Zahl der Öko-Bauern wird in 2040 rund 45.000 betragen und der Öko-Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands von derzeit 10% auf ca. 20% steigen.

Quelle: DZ Bank Studie „Agrar 4.0“ – Abschied vom bäuerlichen Familienbetrieb?

Die einen wollen vom Höfesterben nichts wissen, andere wiederum zucken mit den Schultern und schieben alles auf den natürlichen Strukturwandel. Die Politik erzählt eins und macht wie oft genau das Gegenteil.

Woher dieser Schub beim Höfesterben?

Versuchen wir mit einem „kühlen“ Kopf die Sache zu analysieren. Wieso müssen so viele kleine Bauernbetriebe schließen (besonders stark betroffen sind Milchviehbetriebe und Schweinehalter)?

Ein Blick auf die Fakten:

  • Digitalisierung. Diese verspricht im landwirtschaftlichen Sektor eine effizientere Produktion (bis zu 15% Steigerung). Hierfür muss man in moderne Technik investieren. Erstens, kann das nicht jeder und zweitens, schreit eine derartige Investition nach der Bildung größerer Betriebseinheiten, um auch zukünftig profitabel zu bleiben.
  • Umweltauflagen, Klimapaket, neue Düngeverordnung & Co. Moderne Ställe, neue Gülledepots… die Auflagen und Forderungen an die deutschen Bauern steigen stetig weiter und gleichzeitig werden die Direktzahlungen gekürzt.
  • Nachfolgeproblematik. Einerseits werden die geburtenstarken Jahrgänge unter den Landwirten in den Ruhestand gehen und andererseits ändern sich die Lebensentwürfe i.S. viele Kids die auf dem Bauernhof aufgewachsen sind, sehen in der Landwirtschaft keine ökonomischen Zukunftsperspektiven.
  • Fachkräftemangel. Es müssen ja nicht immer Familienmitglieder sein die auf dem Hof arbeiten; die großen Betriebe kompensieren den rückläufigen Arbeitskräfteeinsatz mit familienfremde Fachkräfte z.B. aus dem Ausland.

So, jetzt haben wir ein bisschen die Lage beschrieben und nun kommt die wichtigste Frage:

Wie weiter bzw. was sollen kleine Familienbetriebe tun?

Ich bin ja von der ganzen Sache genauso betroffen wie andere Familienbetriebe auch. Da ich mich lediglich auf dem Gebiet des Ackerbaus bewege, weiss ich wie unheimlich schwierig es meine Kollegen aus der Viehzucht haben. Diese kämpfen neben den oben aufgeführten Problemen zusätzlich noch mit Tierkrankheiten, Konsumentenmisstrauen und weiteres.

Mögliche Lösungsansätze und Alternativen

Hier ein paar Gedanken und Alternativen zu dem was auf uns zurollt. Vielleicht ist ja für den einen oder anderen von Euch was dabei. Wiederum andere werden daraus etwas Neues kreieren und auf andere Lösungsansätze kommen. Für manch anderer ist nichts dabei was passt.

Vielleicht habt Ihr ja eine bessere Idee und wollt es mit uns allen teilen. Dann tut so bitte in den Kommentaren, ich freue mich auf Eure Anregungen.

Variante Switch auf Öko-Landbau (ganz oder teilweise).

Immer mehr Konsumenten wollen Bioprodukte kaufen. Die Ernährungsgewohnheiten haben sich verändert und obendrauf kommt noch das Thema Umweltschutz. Wenn die Prognosen der DZ Bank stimmen, dann werden die Öko-Anteile auf 20% steigen. Für jeden der ökologisch wirtschaften will, ist das ein gutes Zeichen.

Variante „Green Care“ – Bauernhof statt Altersheim.

Auf diesen Trend bin ich selbst erst seit wenigen Monaten aufmerksam geworden, als bei einem meiner Landwirtschaftskollegen das Thema aufkam, ‚wohin mit den Großeltern die ihr ganzes Leben auf dem Bauernhof verbracht haben und am liebsten auch hier sterben würden‘.

Das Konzept was sich in Skandinavien und den Niederlanden schon längst bewährt hat, schwappt jetzt auch zu uns rüber. Aktiv am Hofleben beteiligen statt ins Altersheim abtransportiert zu werden, sogenannte Senioren-WGs auf dem Bauernhof sind eine interessante Option für jeden Landwirt der offen ist für Neues.

In der Sendung 37° des ZDF wird hierüber immer öfters berichtet. Anbei ein kleiner Beitrag den ich auf YouTube gefunden habe; die Originalsendung ist in der ZDF Mediathek anzuschauen.

Quelle: Landesschau Rheinland-Pfalz SWR, YouTube

Variante Kooperationen mit anderen Sektoren.

Hier greife ich auf ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung zurück: die Kooperation mit z.B. Bienenhalter durch Schaffung von Greening-Flächen. Siehe hierzu mein Projekt „Blumenwiesenpatenschaften„.

Weitere Kooperationsmöglichkeiten: mit lokalen Einzelhändlern, mit Floristen und anderen Branchen, mit Schulen und Universitäten, mit Hotelketten usw.

Variante Sonderkulturen die mehr Wertschöpfung bieten.

Sanddorn, Aroniabeeren, Wildkräuter… es gibt spannende Nischen die man besetzen kann. Dafür müssen wir als Landwirte jedoch umdenken und bereit sein Neues auszuprobieren.

Wie vorhin erwähnt, das sind nur ein paar Gedankenanstöße. Wenn Ihr weitere spannende Ideen und Lösungsalternativen habt, dann teilt diese doch mit der Agrarbetrieb-Community. Nur wenn wir voneinander lernen, kommen wir als Spezies weiter. Das wissen wir in der Landwirtschaft nur allzu gut.

Höfesterben – Können wir dieses schreckliche Phänomen verlangsamen oder gar stoppen? Oder sollen wir es ganz einfach als „natürliche Selektion“ abtun und in die Big Cities „migrieren“?

Entwarnung fur Familienbetriebe in Deutschland

Entwarnung: Kein Aus für Familienbetriebe in Deutschland

Der langsame aber sichere Tod der Familienbetriebe in Deutschland wird schon lange prophezeit. Gierige Investoren, die nur eins im Visier haben, nämlich Profite schlagen, würden alles zunichte machen, um als alleinige Herrscher unserer Böden zu werden.

Es zeigt sich jetzt, dass dies nicht ganz der Realität entspricht.

Mag sein, dass die Sendung „Bauer sucht Frau“ bei einigen Zielgruppen gut ankommt, aber Fakt ist, dass „Bäuerlichkeit“ nicht mehr so ganz im Trend liegt.

Viele Betriebe mussten ihre Türen schließen. Die Agrarunternehmensstruktur in Deutschland zeigt jedoch weiterhin eine Dominanz der Familienbetriebe. Die letzte Agrarstrukturerhebung aus 2016 kam auf eine Anzahl von 274.500 landwirtschaftliche Betriebe (Quelle: Statistisches Bundesamt, Destatis).

Das sind rund 9.000 Betriebe weniger als drei Jahre zuvor.

Nun äußerte sich der Wissenschaftler Bernhard Forstner vom Thünen-Institut auf der Jahresversammlung des Europäischen Netzwerks der Agrarsozialversicherungssysteme (ENASP) wie folgt:

  • „Familienbetriebe werden weiterhin dominieren“
  • „Familienbetriebe werden größer, komplexer und wettbewerbsorientierter“

Familienbetriebe haben sich verändert. Sie haben sich einem erheblichen Wandel unterzogen.

Nebem dem vermehrten Einsatz neuer und innovativer Technologien, gab es folgende sichtliche Veränderungen:

  • Es werden Kooperationen gebildet.
  • Familienbetriebe setzen auf Diversifizierung (z.B. durch Gründung neuer Unternehmenszweige)
  • Es finden Beteiligungen an anderen Betrieben statt.

Ähnlich wie bei den Kollegen in Großbritannien, die sich jetzt mit dem Brexit herumschlagen müssen, stieg auch hierzulande die Bedeutung von Fremdarbeitskräften. Des weiteren nehmen immer mehr Familienbetriebe in Deutschland, die Angebote professioneller Dienstleister in Anspruch.

Die Wettbewerbsfähigkeit der Familienbetriebe in Deutschland – Harte Arbeit, alle packen an

Jeder der auf einen Bauernhof aufgewachsen ist oder so wie ich, ein Familienbetrieb leitet, weiss ganz genau, was das mit sich bringt.

365 Tage pro Jahr arbeiten.

Alle Familienmitglieder, egal ob groß oder klein, alt oder jung, müssen anpacken.

Tja, kaum eine andere Berufsgruppe kommt an dieses Arbeitspensum bzw. erfordert so viel Einsatz von den Familienmitgliedern.

Was sagt der Wissenschaftler vom Thünen-Institut zum Thema Wettbewerbsfähigkeit?

Forstners Meinung nach, bieten Familienbetriebe in Deutschland folgende Vorteile im Vergleich zu Kapitalgesellschaften:

  • Hohe gesellschaftliche Akzeptanz
  • Hohes Maß an Flexbilität insb. in Krisensituationen
  • Breite politische Akzeptanz

Eins sollte bei der ganzen „Euphorie“ nicht aus den Augen gelassen werden, u.z. die

Betriebsgröße und wachsende Komplexität der Familienbetriebe.

Werden diese beiden Faktoren in den zukünftigen Auswertungen und Statistiken nicht berücksichtigt, dann kann es möglicherweise zu falschen agrarpolitischen Schlußfolgerungen kommen. Weiterhin wird dadurch auch die Qualität der Struktur- und Einkommensanalysen beeinträchtigt.

Welchen Einfluß hat die EU-Agrarpolitik auf unsere Agrarunternehmensstruktur?

Keinen entscheidenden Einfluß, so die Meinung von Forstner.

Quellen: Thünen-Institut, Agra-Europe

Familienbetriebe bekommen Rückendeckung aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium

Staatssekretär Dr. Hermann Onko Aeikens will das Bodenrecht verschärfen. Preismissbrauch auf dem Bodenmarkt muss unterbunden werden.

Landwirtschaftliche Bodenmärkte sollen vor Finanzinvestoren geschützt werden. Die negativen Auswirkungen müssen abgewehrt werden, so eine Pressemeldung von Agra-Europe.

Ein paar Zahlen zur Verdeutlichung der „Krise“ (laut Schätzungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums):

  • Rund 30% der Einzelflächen werden seit der Finanzkrise in 2007 jährlich an Nichtlandwirte veräußert.
  • 20% der Flächentransfers in Ostdeutschland erfolgen über Anteilsverkäufe, d.h. diese Deals entziehen sich der Kontrolle des Grundstückverkehrsgesetzes.
  • Nur in 2-3% der Fälle, in denen Nichtlandwirte kaufen möchten, wird das Vorkaufsrecht zugunsten aktiver Landwirte ausgeübt.

Schlussfolgerung des Staatssekretärs:

Der gigantische Preisanstieg für Agrarflächen lässt sich mit der Produktivitätsentwicklung der Landwirtschaft nicht erklären.

Wohin geht die Reise?

Ich bin alles andere als ein Wahrsager, aber folgendes kann ich auf Basis dessen was ich tagtäglich sehe und erlebe, sagen:

Es wird schneller. Wir müssen uns schneller verändern, anpassen, neues annehmen und umsetzen.

Es wird technologischer. Neue, innovative Technologien werden in unser Alltag als Landwirte integriert. Wir müssen lernen mit neuer Software und Apps zu arbeiten sowie hochmoderne Maschinen zu bedienen.

Es wird futuristischer. Roboter, Drohnen, Gentechnik 2.0, schwimmende Farmen – das muss unser menschliches Gehirn erstmals verstehen bevor wir damit arbeiten können. Von uns Landwirten wird erwartet, dass wir umsetzen. Die Weltbevölkerung auf dem Planeten wächst, die Agrarflächen schrumpfen. Das führt zu „jede Menge Spass“ bei der Umsetzung.

Es wird kompetitiver. Der ewige Kampf Großinvestoren vs. „kleiner Mann“ wird weitergehen, egal was uns die Politik verspricht. Wir leben nunmal auf einem Planeten wo Geld und Profitabilität die Oberhand haben und so schnell wird sich das wohl auch nicht ändern.

Die Starken werden überleben.

Der Rest wird, wie so oft in der Geschichte der Menschheit, auf der Strecke bleiben.

Wer hat behauptet, dass das Leben fair ist?!

Eure Meinung:

Welches Schicksal werden Familienbetriebe in Deutschland haben?